Gedenktafel
Wir aufm Revier
Am 10. Juli 2024 anlässlich der Einweihung der erneuerten Gedenktafel an unserem Haus, Alte Benninghofer Straße 16-18, hielt Herr Dr. Markus Günnewig, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache in Dortmund eine Rede. Wir danken Herrn Dr. Günnewig ganz herzlich, dass wir den Text hier zur allgemeinen Information veröffentlichen dürfen:
Gedenktafel am Wohnprojekt Wir aufm Revier - © Wir aufm Revier
Hier an der damaligen Benninghofer Straße 16 befand sich zwischen 1934 und 1945 der Sitz der für den gesamten Regierungsbezirk Arnsberg zuständigen Dortmunder Gestapo. Hier wurde die bereits begonnene Zerschlagung der politischen Linken vollendet, die Einweisung Tausender in die Konzentrationslager in die Wege geleitet, die Deportation der jüdischen Bevölkerung organisiert und während des Krieges die überwachung und Sanktionierung der ständig wachsenden Gruppe ausländischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter betrieben. Höhe- und gleichzeitig Schlusspunkt des staatspolizeilichen Terrors waren die ebenfalls von hier ausgehenden Massenerschießungen in der Bittermark und im Rombergpark in den letzten Kriegswochen und -tagen. Aber der Reihe nach.
Im April 1933 wurde aus der Dortmunder politischen Polizei die Geheime Staatspolizei (Gestapo). Sprich: Aus einer Abteilung der Kriminalpolizei wurde eine eigenständige Dienststelle. Diese war für den gesamten Regierungsbezirk Arnsberg zuständig und bekam Außendienststellen in Bochum, Hamm, Hagen und Siegen. An Orten ohne Dienststelle übernahm die jeweilige lokale Polizei diese Rolle. Am 28. November 1933 verfügte die Dortmunder Gestapo über 18 Beamte und 43 Hilfskräfte, die sich unter anderem aus SA- und SS-Angehörigen rekrutierten. Bei Kriegsende waren es inklusive Außendienststellen etwa 360. Die Gestapo wurde zur eigenständigen Behörde mit nahezu unbeschränkten Vollmachten. Zu diesen zählten brutale Vernehmungsmethoden, die meist in Konzentrationslagern verbüßte "Schutzhaft" sowie während des Krieges die als "Sonderbehandlungen" bezeichneten Exekutionen.
Ihr erster Leiter war der vom neuen NS-Polizeipräsidenten Schepmann ernannte Walter Blume, der später in der Hierarchie der Gestapo aufstieg und beispielsweise als Sonderkommandoführer 1941 aktiv am Holocaust in der Sowjetunion beteiligt war. 1943 organisierte er als Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in Athen unter anderem die Ghettoisierung und Deportation der jüdischen Bevölkerung Griechenlands. Im Nürnberger Einsatzgruppenprozess wurde Blume 1948 vom Militärgerichtshof zum Tode verurteilt, seine Strafe 1951 aber auf 25 Jahre Haft reduziert. Bereits 1955 kam er wieder auf freien Fuß.
Im Sommer 1934 fand der Umzug vom Polizeipräsidium an die Benninghofer Straße statt. In einem Artikel der Westfälischen Landeszeitung Rote Erde vom 1. August 1934 heißt es dazu: „Das einzige, was gegen das neue Dienstgebäude einzuwenden wäre, ist seine etwas zu sehr aus dem Stadtkern gerückte Lage. Sonst ist der schmucke Klinkerbau aber denkbar gut für die neue Bestimmung geeignet, enthält er doch alle für den Dienstbetrieb notwendigen Räumlichkeiten, genügend Platz zur Unterbringung der Akten und Kartotheken, und auch die erforderlichen technischen Einrichtungen wie Garagen, Photoräume und ähnliches. Die Tätigkeit der Staatspolizeistelle, die für den Dienstbereich des Regierungsbezirkes Arnsberg etwa neunzig Beamte und Angestellte im Innen- und Außendienst beschäftigt, ist seit dem ersten stürmischen Jahr nach der Machtergreifung, das besonders im ehemals „roten“ Dortmund naturgemäß viel Arbeit verursachte, in etwas ruhigere Bahnen gelenkt. Allgemein ist zu sagen, daß ihre Arbeit noch viel zu sehr mit dem Nimbus des Geheimnisvollen umwoben ist. Vor allem ist auch viel zu wenig bekannt, daß sie auf verständnisvolle Mitarbeit der Bevölkerung, und vor allem auch der Dienststellen der Verbände und der parteiamtlichen Stellen Wert legt.“
Die Hauptaufgabe der Dortmunder Gestapo bestand in den ersten Jahren vor allem in der Zerschlagung der in Dortmund bis 1933 relativ starken politischen Linken. Gewalt war dabei ein zentrales Mittel. Einer der Hauptakteure auf Gestapo-Seite war Otto Cassebaum. Nach dem Ersten Weltkrieg war er als Schutzmann in die städtische Polizei eingetreten und 1920 in den Kriminaldienst gewechselt, später zur politischen Polizei. 1933 wurde er in die Gestapo aufgenommen und wurde leitender Ermittlungsbeamter vor allem gegen Angehörige der KPD. Sein wichtigstes Instrument war brutale, rücksichtslose Gewalt. Das Landgericht Dortmund verurteilte ihn 1949 unter anderem „wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit in Tateinheit mit 150 Fällen der Aussageerpressung und 149 Fällen der Körperverletzung im Amte“ zu einer Gesamtstrafe von 15 Jahren Zuchthaus. Allerdings war nicht nur die hier in der Dienststelle oder insbesondere auch im Polizeigefängnis am Hauptbahnhof, der Steinwache, verübte Gewalt Mittel zum Zweck der politischen Verfolgung. Schon ab 1933 wurde in zahlreichen Fällen von der Staatspolizei die sogenannte Schutzhaft verhängt und die Betroffenen in die neu entstandenen Konzentrationslager eingeliefert. Als kurzzeitiger Haftraum diente vor allem die Steinwache.
Ein ehemaliger Gestapoangehöriger beschrieb das später so: „Während meiner Tätigkeit als Pförtner bei der Gestapo war es allgemein üblich, dass die Gefangenen mit einem Gefangenenwagen zum Gestapogebäude gebracht und dort im Keller untergebracht wurden. Von hier aus wurden sie dann zur Vernehmung nach oben geholt. Nach Abschluss der Vernehmungen holte sie der Wagen wieder ab und brachte sie zur Steinwache zurück.“
Es wurde aber nicht nur die überwachung und Verfolgung politischer Gegnerinnen und Gegner hier organisiert und vollzogen, sondern auch die der jüdischen Bevölkerung. So lieferten Gestapo-Beamte im Anschluss an das Pogrom im November 1938, im Rahmen dessen ja unter anderem die Hörder Synagoge niedergebrannt wurde, mehrere Hundert jüdische Männer aus Dortmund ins KZ Sachsenhausen ein. 1942/43 folgten dann die Deportationen der jüdischen Bevölkerung nach Riga, Zamosc, Theresienstadt und Auschwitz. Alle organisiert vom sogenannten Judenreferat der Gestapo hier an der Benninghofer Straße, wahrscheinlich zweite Etage, linke Seite. Mehr als 2000 Männer, Frauen und Kinder aus Dortmund wurden ermordet.

Das Gebäude vor 1945 - © Stadtarchiv Dortmund, stadtarchiv-dortmund@stadtdo.de
Während dieses Zeitraums 1942/43 begann die Zuständigkeit der Gestapo für die überwachung des sogenannten Fremdarbeitereinsatzes deren Kapazitäten in steigendem Maße zu absorbieren. Sie war vor allem für die überwachung und Bestrafung von Zwangsarbeiter*innen aus Polen und der Sowjetunion zuständig, die – also vor allem letztere – bald die mit Abstand größte Gruppe unter den ausländischen Zwangsarbeiter*innen bildeten und mit einem „P“ bzw. dem Schriftzug „Ost“ gekennzeichnet werden mussten. Gegenüber sowjetischen Zwangsarbeiter*innen ersetzte die Gestapo komplett die Justiz und wurde ermächtigt, das volle Strafrepertoir eigenständig anzuwenden – vom Verweis bis zur sogenannten Sonderbehandlung, einer behördenintern angeordneten Todesstrafe für als „schwere Delikte“ eingestufte Handlungen. Die Exekutionen wurden entweder in Konzentrationslagern vollstreckt oder, wenn ein entsprechender Abschreckungseffekt beabsichtigt war, auch vor Ort, wobei jeweils eine größere Zahl von Landsleuten zusehen musste. Für solche Zwecke bewahrte die Dortmunder Gestapo ein hölzernes Galgengerüst auf dem Hof ihrer Dienststelle auf. Damit wurde unter anderem der sowjetische Zwangsarbeiter Trochim Besnikow ermordet. Er wurde beschuldigt, am 30. Januar 1944 den Lagerführer eines „Ostarbeiterlagers“ angegriffen zu haben. Er wurde festgenommen und in die Steinwache gebracht. Otto Stomber vom „Ostarbeiterreferat“ (hier in Parterre rechts untergebracht) holte Besnikow am 3. März 1944 ab und brachte ihn in den nahegelegenen Fredenbaumpark. An der dortigen Mendeschänke wartete bereits das Exekutionskommando. Besnikow wurde durch den Dolmetscher Alfred Maniera und Stomber auf dem rechts hinter dem Mendespielplatz laufenden Waldweg erhängt. Zahlreiche „Ostarbeiter“ wurden gezwungen, sich die Exekution anzusehen. Den im Hof der Gestapo-Dienststelle aufbewahrten Galgen hatte man zuvor mit einem LKW in den Fredenbaumpark bringen lassen. Wie viele Menschen insgesamt von der Dortmunder Gestapo ermordet wurden ist unbekannt.
Aufgrund der schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen der ausländischen Zwangsarbeiter*innen wurde Flucht zu einem Massenphänomen. So entstanden ab 1942 zusätzliche Polizeihaftlager für Menschen aus der Sowjetunion, u.a. zwei durch den Werkschutz bewachte Lager auf dem Gelände des hiesigen Phönix-Werkes. Gewalt gehörte in diesen Lagern, aber auch ganz allgemein im Umgang mit Zwangsarbeiter*innen in steigendem Maße zum Alltag. Da Transport- und Kommunikationswege immer stärker zerstört wurden, führte die Dortmunder Gestapo ab Februar 1945 eigene Massenexekutionen von Menschen aus der Sowjetunion durch. Zuerst wurden am 4. Februar mindestens vierzehn sowjetische Zwangsarbeiter in der Nähe des Arbeitserziehungslagers bei Hunswinkel im Sauerland und schließlich ab Anfang März im Rahmen von drei Massenexekutionen insgesamt 75 Menschen in der Bittermark im Süden von Dortmund erschossen. Im Februar holte ein Kommando der Dienststelle die Betroffenen aus den Polizeigefängnissen des Regierungsbezirkes ab. Im Fall der Bittermark-Exekutionen wurden die Transporte hier vor Ort zusammengestellt und die Betroffenen mussten nachts mit ihren Henkern in den Wald fahren, wo sie an vorher ausgewählten Bombentrichtern erschossen wurden. Nach den Exekutionen fand auf der Dienststelle ein kleines Beisammensein der Beteiligten statt, bei dem es Schnaps und Zigaretten gab.

Das Mahnmal Dortmund Bittermark - © Stadtarchiv Dortmund, stadtarchiv-dortmund@stadtdo.de
Parallel kam es Ende 1944 und Anfang 1945 angesichts der dramatischen Verschlechterung der deutschen Kriegslage wieder vermehrt zu Verhaftungsaktionen vermeintlicher politischer Gegner, Spione und anderer. Je schlechter die Lage desto drastischer das staatspolizeiliche Vorgehen. Da die Zellen im Keller nicht ausreichten und man im Hof einen neuen Bunker hatte bauen lassen – der übrigens auch von Anwohner*innen genutzt wurde. Auch der alte Luftschutzkeller des Gebäudes wurde als Haftraum umfunktioniert und über 100 Gefangene dort untergebracht. Vorher waren es im Schnitt lediglich etwa zehn Häftlinge in den Kellerzellen gewesen. Als dann auch noch Ende März 1945 Evakuierungstransporte aus Gefängnissen anderer Ruhrgebietsstädte hier bei der Gestapo ankamen, wurde zusätzlich das ehemalige Straflager am Emschertor auf dem Phönix-Gelände reaktiviert, das auch nochmal 170-200 Personen durchliefen. Ein Teil von ihnen wurde Anfang April entlassen, ein anderer im Rombergpark erschossen.
Am 12. März hatte das Gestapogebäude während des schwersten Bombenangriffs auf Dortmund einen Volltreffer erhalten. Das Dachgeschoss brannte aus und der linke Flügel des Gebäudes wurde zerstört. Nach dem Bombentreffer wurden verschiedene Abteilungen in umliegende Gastwirtschaften ausgelagert. Die Beamten und Angestellten der Gestapo wurden nun größtenteils kaserniert, wohnten also auch hier. Ab Mitte März wurden die wichtigen Akten im Dienststellenhof an einer offenen Feuerstelle verbrannt und ein Ausweichquartier in Hemer vorbereitet. Am 1. April wurde ein großer Teil der Dienststelle nach Hemer verlegt. Zurück blieb ein größeres Kommando, das die staatspolizeilichen Aufgaben bis zuletzt wahrnehmen sollte und sich erst wenige Tage später unmittelbar vor der einrückenden US-Army zurückzog.
Anfang März war mit Rudolf Batz ein vernichtungskriegserfahrener Kommandeur der Sicherheitspolizei als neuer Chef der Gestapo und der Kripo eingesetzt worden, der unmittelbar nach seiner Ankunft die überprüfung aller Haftvorgänge angeordnet hatte. Er hatte vorher unter anderem im Rahmen des überfalls auf die Sowjetunion die Leitung des Einsatzkommandos 2 der Einsatzgruppe A übernommen und die Ermordung mehrerer Zehntausend Menschen, vor allem Jüdinnen und Juden, in Lettland verantwortet. Später war er Kommandeur der Sicherheitspolizei in Krakau und kam eben kurz vor Schluss hierher nach Hörde. Und hier erteilte er den Befehl, Aufstellungen über die verbliebenen und neu eintreffenden Häftlinge anzulegen und sie in zwei Kategorien einzuteilen. Die als minderschwere Fälle Klassifizierten sollten entlassen, alle anderen erschossen werden. Aufgrund der näher rückenden Front fanden die Exekutionen nun im nahegelegenen Rombergpark statt. Zwischen der Nacht auf Karfreitag, dem 30. März 1945 und dem Ende der darauffolgenden Osterwoche wurden an sechs Stellen im Park – wiederum nachts und an Bombentrichtern, insgesamt etwa 150 Menschen erschossen. Sie bildeten ein breites Spektrum von Opfergruppen des Nationalsozialismus. Unter ihnen waren wiederum sowjetische Zwangsarbeiter, aber auch Dortmunder Kommunisten, die man des Versuchs der KPD-Reorganisation bezichtigte, zwei Frauen aus Essen, die aus dem dortigen Polizeigefängnis nach Dortmund evakuiert worden waren und die man nur aufgrund des Umstandes, dass sie Jüdinnen waren, ermordete. Erschossen wurden vermeintliche Spione aus Frankreich und den Niederlanden genauso wie ein deutscher Deserteur oder französische und deutsche Kommunisten aus Lippstadt, gegen die bereits wegen „Vorbereitung zum Hochverrat und Rundfunkverbrechens“ Anklage beim Volksgerichtshof erhoben worden war, die aber noch im Herner Polizeigefängnis eingesessen hatten. Letzteren wurden ihre gemeinsamen Gespräche über die Inhalte ausländischer Radiosendungen zum Verhängnis. Die letzten drei Opfer hier in Dortmund – alle wiederum ausländische Zwangsarbeiter – wurden schließlich durch Angehörige des erwähnten Nachkommandos am 8. oder 9. April auf einem nahe der Dienststelle gelegenen Bahngelände erschossen.
Drei Tage später war Dortmund befreit. Allerdings ging das Morden noch kurz weiter – die Gestapo hatte sich ja zunächst nach Hemer zurückgezogen und so wurden wahrscheinlich ebenfalls am 9. April 1945 auf einer Wiese in Waldnähe bei Iserlohn drei Jugoslawen und eine Belgierin, die man der Spionage bezichtigte, erschossen und am 11. April 1945 in einem Waldstück nordwestlich von Hemer-Westig acht der Plünderung beschuldigte sowjetische Zwangsarbeiter. Kurz darauf löste sich die Gestapo auf. Der Terror war zu Ende.

Die Polizeiwache vor dem Umbau ca. 2019 © Rosemarie Neuhaus

Siggi Hüwel 2024 © Wir aufm Revier - Während der Umbauarbeiten ist die Original-Tafel von Kunstschmied Siggi Hüwel verloren gegangen. Bei der neuen Gedenktafel handelt es sich um eine originalgetreue Nachbildung.

Das Gebäude nach dem Umbau mit Gedenktafel © Wir aufm Revier